Bouldern – die ultimative Einführung

Schön, dass du da bist! Es erwartet dich ein sorgfältig zusammengestellter Mix aus Hintergrundwissen, aktuellen Entwicklungen und Tipp´s rund um die vielleicht beste Sportart der Welt: Bouldern.

Steffen bouldert Duroxmanie 7a+ in Fontainebleau

Steffen fängt den entscheidenden Griff in Duroxmanie 7A+ in Fontainbleau

Bouldern ist wahrscheinlich DER Trendsport der letzten Jahre. Jede Stadt scheint inzwischen 2-5 verschiedene Boulderhallen zu haben. Das ist super, weil der Sport einfach glücklich macht und Spaß für jedes Können bietet.

Was ist Bouldern?

Bouldern ist Klettern in Absprunghöhe und damit Teil des Klettersports. In der Regel beginnt man im Sitzen und klettert bis man oben auf dem Block der Begierde steht. Manchmal kann man einen Boulder nicht nach oben aussteigen, sodass dieser bei Erreichen des letzten Griffs als Geschafft gilt.

Dabei unterscheidet sich das Bouldern vom Klettern durch seine puristische Natur. Man braucht aufgrund der geringen Höhe der Boulder weder Seile, noch ein Karabiner- und Schlingenarsenal im Wert eines Kleinwagens. Allgemein verbindet man mit dem Bouldern eine besonders hohe Schwierigkeit der einzelnen Kletterzüge.

Bouldern und Klettern sind im Kern ein und dasselbe. Wenn man vom Klettern spricht, meint man Wände, die nur mit Sicherungen und Seilen sicher zu klettern sind. Die Bewegungen, Klettertechnik bzw. Bouldertechnik sind gleich, aber man klettert beim Bouldern einfach nicht so hoch (meistens). So einfach ist das.

 

Welche Ausrüstung braucht man zum Bouldern?

  • Kletterschuhe
  • Chalkbag
  • Bürste

Gar nicht so viel zum Glück. Alles wissenswerte über Boulderzubehör habe ich in einem Extra-Artikel ausführlich erklärt, um hier nicht den Rahmen zu sprengen. Also nochmal: Was braucht man zum Bouldern?

Finde es heraus in diesem ausführlichen Artikel über Boulderzubehör. >>

 

Eine kurze Geschichtsstunde vom Neandertaler zur 60er Hippiekultur

Irgendwann haben die wilden Kletterer in Yosemite, USA unter mehr oder weniger intensiven Einfluss halluzinogener Substanzen angefangen die umliegende Blöcke des „Camp 4“ am Fuße des El Capitan zu beklettern. Das war wahrscheinlich der Startschuss des modernen Boulderns, wie es heute als eigenständige Disziplin bekannt und weltweit beliebt ist.

Die ersten „Boulderer“ und ihre Besteigungen, „Boulder“ genannt, gehen aber wohl schon viel weiter zurück. Bestimmt hat auch schon mal vor langer Zeit ein Neandertaler Gefallen am Beklettern von Felsblöcken gefunden.

Im Bouldermekka Fontainebleau wurde nachweislich schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts (erstaunlich schwer) gebouldert. Der erste einflussreiche und inzwischen legendäre Boulderer war John Gill, der bereits in den 50er Jahren Boulder durchstieg, die ihrer Zeit Jahrzehnte voraus waren. In Bergstiefeln oder barfuß. Das Buch „Rock Master“ von Pat Ament* gibt einen interessanten Einblick in dessen Leistungen und das Werk inspiriert Generationen von Kletterern und Boulderern bis heute.

Das Bouldern ist in seiner Verbreitung und Bedeutung seit den Anfangstagen einen weiten Weg gegangen. Heute wird immer noch draußen in der Natur auf der ganzen Welt gebouldert, aber am bekanntesten ist wohl das Bouldern in der Halle.

 

Die Boulderhalle – Wo die starken Kletterer wohnen

Die Anfänge der heutigen mit bunten Griffen bestückten Boulderhallen finden sich zu Beginn der 80er Jahre in den Kellern von Sheffield, England. Damals bauten sich die besten Felskletterer ihrer Zeit, wie Jerry Moffat und Ben Moon ihre eigenen Trainingsmöglichkeiten in die Keller ihrer Häuser. Dabei handelte es sich um relativ kleine Holzwände mit überwiegend selbst geschnitzten Griffen. Ziel war es die nasse Winterzeit sinnvoll zu überbrücken, während der sie nicht am Fels trainieren und klettern konnten. Dabei wurden sie unglaublich stark und zählen ihrerseits heute zu den Legenden des Klettersports.

Wie funktioniert das Bouldern in der Halle?

Beim Bouldern in der Halle ahmt man in gewisser Weise das Bouldern am Fels nach, da es unter „Eingeweihten“ immer noch als das Nonplusultra gilt „draußen“ zu klettern bzw. zu bouldern. So beginnt ein Boulder an Startgriffen, welche in der Regel irgendwie markiert sind und endet am letzten Griff der Wand oder sogar oben drauf sitzend. In Deutschland liegt die Obergrenze für Indoor Boulderwände irgendwo zwischen vier und fünf Metern. Die meisten sind aber niedriger.

bouldern am limit

Manchmal braucht es auch gar keine Griffe: Andi fängt ein Volumen bei einem dynamischen Zug.

Jeder Boulder unterscheidet sich vom anderen durch Neigung der Wand, Größe, Art und Anordnung der Griffe und Tritte. Das Ziel ist es die von den Schraubern der Boulder gestellten Probleme durch Kreativität, Kraft und Geschicklichkeit zu lösen. Dabei gibt es unendliche Nuancen in Körperpositionen und Wegen die Haltepunkte zu belasten. Die Fähigkeit Lösungen für Probleme zu finden und umzusetzen wird dabei als „Technik“ oder Bouldertechnik bezeichnet.

Die Schwierigkeit einer Linie definiert sich in der Regel über die Farbe der Griffe. Manchmal sind unterschiedlich farbige Griffe auch mit derselben Farbe in Form von Klebeband von unten bis oben durchmarkiert. Das Spiel besteht darin, nur die Griffe und Tritte einer Farbe zu benutzen um das „Top“ (=letzter Griff oder oben Aussteigen) zu erreichen. Fällt man runter, landet man auf der weichen Matte und tritt zum nächsten Versuch an. Danach läuft man entweder hintenrum wieder herunter oder springt ab. Nun sucht man sich den nächsten Boulder und das Spiel beginnt von Neuem.

Am meisten Spaß macht die Boulderei zusammen mit Freunden. Dabei merkt man ganz schnell, wie unglaublich langweilig das stupide Pumpen im Fitnessstudio ist und wie viel Spaß Bewegung machen kann. Zusammen ist man viel kreativer, feuert sich gegenseitig an und feiert Durchstiege im Team.

Comp(etition)style

Inzwischen hat sich so etwas, wie ein neuer Stil in den Boulderhallen und ganz besonders Boulderwettkämpfen entwickelt. Weg von kraftgeprägten Zügen an kleinen Griffen hin zu immer akrobatischeren und technischeren Problemen, die man kaum mehr am Fels so findet. An dieser Entwicklung scheiden sich die Geister, da es älteren und überwiegend naturgeprägten Sportlern schwerfällt oder missfällt diesen Stil zu erlernen. Eine beliebte Verunglimpfung des Schraubers aufgrund des eigenen Unvermögens ist: „Das hat überhaupt nichts mit Klettern zu tun!! ARGGhh…etc.“.

Interessant ist allerdings, dass weltweit die Gewinner der Ninja Warrior Wettkämpfe im Fernsehen sehr oft junge Kletterer und Boulderer sind. Die Fähigkeiten in den dort geforderten Aufgaben sind durchwegs dem modernen Indoor-bouldern sehr ähnlich.

Woody

Es gibt auch noch ein paar Boulderhallen älterer Generation. Diese unterscheiden sich darin, dass es keine bis wenige vordefinierte Probleme gibt. Vielmehr finden sich tausende Griffe und Tritte wild an die Wand gezaubert. Boulderer definieren sich Probleme selbst.

In vorgeschraubten kommerziellen Boulderhallen findet sich oft eine kleine neigungsverstellbare Wand in diesem Stil irgendwo abseits. Hier trainieren üblicherweise die richtig starken Jungs und Mädels. Solche Wände werden als Woody (abgeleitet von wood wall) bezeichnet und sind die Weiterentwicklung und wohl auch Endpunkt der englischen Kellerkletterwände von damals. Sie zählen unter anderem zu den effektivsten Trainingsmöglichkeiten um schwere Linie am Fels zu bouldern.

Sogenannte Moon Boards finden immer weitere Verbreitung. Dabei handelt es sich um ein Woody mit genormter Neigung und Griffanbringung. In einer App können die Nutzer verschiedene Probleme definieren und abrufen. An der Wand werden dann per LEDs die zugehörigen Griffe angezeigt.

Diese Boulder können dann überall auf der Welt nachgeklettert werden. Es gibt so etwas, wie ein kleine Community, die räumlich getrennt, aber irgendwie miteinander trainiert und sich an den gemeinsamen Kreationen misst.

Bouldern am Fels

Bouldern am Fels funktioniert ganz ähnlich, wie in der Boulderhalle. Meistens aus dem Sitzen oder manchmal aus dem Stehen klettert man bis zum letzten Griff oder steigt fast immer oben aus. In manchen Gebieten ist das Aussteigen aus Naturschutzgründen untersagt. Da der Boden hart ist und auch noch oft unebenes und verblocktes Sturzgelände verspricht, nutzt man Matten zur Absicherung. Diese nennt man Bouldermatten oder Crashpads. Klettert man den Boulder im ersten Versuch, so nennt man das einen Flash. Ein Flash beim Bouldern gilt als etwas Besonderes und wird in der Regel mindestens mit einem gegenseitigen Abklatschen oder Fist Bump gefeiert.

An einem Block befinden sich oft mehrere Linien = Boulder mit jeweils eigenen Namen, die sich manchmal auch kreuzen. In der Regel folgt ein Boulder jedoch den offensichtlichen Merkmalen des Felses, wie Rissen oder großen Absätzen.

Bei beliebten Boulderproblemen geben die weiße Rückstände des genutzten Magnesias bzw. Chalks einen guten Überblick über den Verlauf der Linie. Wie eine Linie verläuft und schwer diese ist steht meistens in einem Boulderführer für das Gebiet. Außerdem finden sich im Boulderführer wichtige Informationen zu Anfahrt, Zustieg, lokalen Besonderheiten, Regeln und Sperrungen.

Was ist Bouldern? Andi zeigt es in Fontainebleau

Andi steht schwer unter Spannung in L´angle Ben´s 7A+ in Fontainebleau.

Ein Boulder beginnt in der Regel an den untersten zwei Griffen oder manchmal ist es auch ein Griff für beide Hände. Üblicherweise sind diese markiert oder in der Beschreibung genant. Es gehört zum guten Ton keinerlei Vegetation zu beschädigen, leise zu sein und nach dem bouldern die Griffe für den nächsten mit einer Bürste zu säubern.

Oft finden sich Bouldergebiete in atemberaubender Landschaft hoch in den Bergen, an wilden Küsten oder entlang reißender Gebirgsbäche. Naturerlebnis pur!

Wo kann man bouldern?

Fontainebleau in der Nähe von Paris in Frankreich gilt vielen als das beste Bouldergebiet der Welt. Der Wald war früher privates Jagdgebiet der französischen Kaiser und ist durchzogen von lieblichen Sandlichtungen, Blöcken und Wegen. Es gibt tausende Probleme in allen Schwierigkeitsgraden für jeden in bester Felsqualität. Oft sind diese auch in Parcours verschiedener Schwierigkeit eingeteilt. Das erkennt man an farbigen Nummern an den Bouldern. Hört sich irgendwie bekannt an? Ja genau, daher kommen die unterschiedlichen Farben in der Boulderhalle.

Hier geht´s zum besten Boulderführer für Fontainebleau!* >>

Weitere Trendgebiete sind die Rocklands in Südafrika, die Grampians in Australien und das Tessin in der Schweiz.

 

Schwierigkeitsgrade im Bouldern

Für das Bouldern haben sich weltweit zwei Bewertungsskalen etabliert. Zum einen die französische Skala von 1A bis 9A (…5C+, 6A, 6A+, 6B, 6B+, 6C, 6C+, 7A…)  und zum anderen die amerikanische V-Skala von V0 bis V17 ohne Zwischenschritte, wie plus oder minus. Die V-Skala ist etwas grober in den Abstufungen bis sich die Steigerungen zur französischen ab circa V7 analog entsprechen.

Beispiel: Ein französischer Grad 7B+ (schon ganz schön schwer) entspricht dabei einer V8 im amerikanischen System.

Die Farbcodierung in der Boulderhalle fasst dabei je Farbe ein paar dieser Grade zu einem Bereich zusammen, sodass in der Regel 5-10 Grifffarben das gesamte Spektrum an Schwierigkeiten abdecken. Das obere Drittel der Grade findet sich allerdings nur begrenzt in Boulderhallen wieder, da nur sehr wenige Sportler in der Lage sind diese zu schaffen.

Schwierigkeitsgrade sind das beliebteste Streit- und Diskussionsthema unter Klettersportlern und Boulderern. Jeder empfindet den Grad eines Problems unterschiedlich, abhängig von seiner Lösung, Körpergröße, Vorlieben, Wetterbedingungen…

Ein schwieriges Thema.

Üblicherweise vergibt der Erstbegeher eines Problems einen Bewertungsvorschlag und die Wiederholer geben dazu ihre Einschätzung ab, sodass sich der Grad auf einen Konsens einpendelt. Oft vergeben die Wiederholer eines Boulders auch einen „Personal Grade“. Dabei handelt es sich um eine elegante Version zu sagen, dass man den Boulder als leichter oder schwerer empfindet ohne den Erstbegeher damit direkt anzugreifen.

 

Bekannte Boulderer und die bekanntesten Boulder

Zu den bekanntesten und einflussreichsten Boulderern weltweit gehören Dave Graham, Fred Nicole, Daniel Woods und Nalle Hukkataival.

Der wohl weltweit schwerste Boulder Burden of Dreams 9A/V17 befindet sich in Finnland und verlangte dem Erstbegeher Nalle Hukkataival mehrere Jahre Einsatz und über 80 Tage Arbeit ab bis er die wenigen Züge zum Top zusammenhängen konnte. Er ist bisher unwiederholt.

Hier eine kleine Videoimpression:

Video: Blue Kangoo, Words: Nalle Hukkataival, Image: Heikki Toivanen

Weitere bekannte Boulder (mit Video):

*Ein Highball bezeichnet einen besonders hohen Boulder. Neben den schwierigkeitstechnischen Anforderungen muss der Boulderer sich außerdem noch sehr intensiv mit seiner eigenen Psyche und dem Management potentiell gefährlicher Stürze auseinandersetzen.

 

Wettkämpfe im Bouldern

In Deutschland finden jedes Jahr hunderte Boulderwettkämpfe statt. Beinahe jede Boulderhalle richtet einen eigenen Wettkampf aus, wobei sich diese in der Regel an Amateure richten. Es gibt allerdings auch Formate, bei denen ein beachtliches Preisgeld Weltcup-Athleten in kleine Boulderhallen lockt.

Darüber hinaus finden organisierte professionelle Wettkämpfe auf nationaler und internationaler Ebene statt. Die Boulder World Cups sind eine Serie von mehreren internationalen Wettkämpfen mit Preisgeldern bei dem ein Gesamtweltcupgewinner ermittelt wird. Die Athleten, die an diesen Cups teilnehmen sind überwiegende professionelle Sportler, die von Sponsoring und Preisgeldern leben.

Es gibt verschiedene Formate von Boulderwettkämpfen. Meistens findet eine Qualifizierungsrunde mit vielen zu bezwingenden Bouldern statt in der die besten Teilnehmer für das Finale ermittelt werden. Dort gilt es in der Regel nur noch vier Boulder zu schaffen. Männer und Frauen werden im Finale üblicherweise getrennt an unterschiedlichen Bouldern. Der Gewinner ist der- und diejenige mit den meisten gekletterten Problemen. Bekannte Wettkampfboulderer sind Jan Hojer, Janja Gabret, Juliane Wurm und Anna Stöhr.

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