Bouldern – die ultimative Einführung

Schön, dass du da bist! Dich erwarten die Antworten auf alle deine Fragen zur vielleicht besten Sportart der Welt. Liebevoll abgerundet mit Hintergründen und aktuellen Einblicken in die Szene.

Person bouldert in Fontainebleau outdoor am Fels

Steffen bouldert am Fels in Fontainbleau

Was ist bouldern?

Definition: „Bouldern ist Klettern in Absprunghöhe“.

Was bedeutet das genau? Beim Bouldern kletterst du ohne Seilsicherung an künstlichen Wänden mit Plastikgriffen oder in der Natur an echtem Felsen.

Meist beginnt eine Boulderroute („Boulder“) im Sitzen und endet auf einem künstlichen oder echten Felsblock stehend. Manchmal ist es nicht möglich einen Boulder oben auszusteigen, sodass dieser bei Erreichen des letzten Griffes („Top-Griff“) als Geschafft gilt.

Bis zu welcher Höhe findet Bouldern statt?

An künstlichen Kletteranlagen, wie z. B. in der Boulderhalle ist bei maximal 4,5 Metern Schluss. In der Realität bleiben die Wände oft unter dieser Marke. Alle Sicherheitsanforderungen, wie Höhe und Mattendicke sind in der DIN-Norm „DIN EN 12572-2“ festgehalten.

Die Boulderhöhe am Fels ist nur davon abhängig, wie hoch der jeweilige Boulder ist und nicht begrenzt. Der überwiegende Teil des Outdoor-Boulderns findet ebenfalls in ungefährlichen Höhen unterhalb der Grenze von 4,5 Metern statt. Manche Boulder erreichen Höhen von 10 Metern und mehr. Besonders häufig sind diese sogenannten „High Balls“ im High-End-Bereich der Schwierigkeitsskala. Im Breitensport-Bereich sind solche hohen Boulder selten.

Warum heißt Bouldern Bouldern?

Das Wort Bouldern kommt vom englischen Wort „Boulder“, was Felsblock bedeutet. Als sich das Klettern in Nordamerika an kleinen Felsen und Blöcken etablierte, wurde aus dem Substantiv „boulder“ ein Verb „to boulder“. Dieses Wort wurde bei uns übernommen und heute sprechen wir im deutschen Sprachgebrauch vom „bouldern gehen“. Ein „Boulder“ bezeichnet ein einzelnes Boulderproblem an der Kunstwand oder einem Felsen.

Was ist der Unterschied zwischen Klettern und Bouldern?

Das Bouldern unterscheidet sich vom Klettern durch die Kletterhöhe und seine puristische Natur. Aufgrund der geringen Höhe brauchst du beim Bouldern weder besonderes Wissen über Sicherungstechniken noch Seile und Karabiner.

Bouldern und Klettern sind im Kern ein und dasselbe. Klettern meint im allgemeinen Sprachgebrauch das Beklettern von Wänden, die nur mit Seilen sicher zu klettern sind. Die Bewegungen (Klettertechnik = Bouldertechnik) sind bei beiden gleich.

Boulderer in der Natur benutzen tragbare Matratzen, um Stürze abzusichern. Diese heißen Crashpads oder Bouldermatten. In der Boulderhalle ist der Bereich unter den Wänden mit dicken Weichbodenmatten ausgelegt.

 

Was braucht man alles zum Bouldern?

Drei dinge sind essenziell:

  • Kletterschuhe
  • Chalkbag
  • Bürste

Alles wissenswerte über die richtige Ausrüstung findest du auf der Seite Boulderzubehör.

 

Geschichte des Boulderns – vom Neandertaler zur 60er Hippiekultur

Irgendwann haben die wilden Kletterer in Yosemite, USA unter mehr oder weniger intensiven Einfluss halluzinogener Substanzen angefangen die umliegenden Blöcke des „Camp 4“ am Fuße des El Capitan zu beklettern. Das war wahrscheinlich der Startschuss des modernen Boulderns, wie es heute als eigenständige Disziplin bekannt und weltweit beliebt ist.

Die ersten „Boulderer“ und ihre Besteigungen gehen aber wohl schon viel weiter zurück. Bestimmt hat auch vor langer Zeit ein Neandertaler Gefallen am Beklettern von Felsblöcken gefunden.

Im Bouldermekka Fontainebleau wurde nachweislich schon Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts (erstaunlich schwierig) gebouldert. Bis heute ist das Gebiet nach Ansicht vieler Sportler das beste und wichtigste Bouldergebiet der Welt.

Bild von John Gill in einem dynamischen Zug

John Gill war mit seinem dynamischen Boulderstil seiner Zeit weit voraus – Quelle: Wikipedia

Der erste einflussreiche und legendäre Boulderer jüngerer Zeit ist John Gill. Er durchstieg bereits in den 1950er Jahren in den USA Boulder, die ihrer Zeit Jahrzehnte voraus waren. Und das in Bergstiefeln oder sogar barfuß. Das Buch „John Gill: Master of Rock“ von Pat Ament* gibt einen interessanten Einblick in dessen Leistungen. Das Werk inspiriert Generationen von Kletterern und Boulderern bis heute.

Das Bouldern ist in seiner Verbreitung und Bedeutung seit den Anfangstagen einen weiten Weg gegangen. Heute wird immer noch auf der ganzen Welt draußen in der Natur gebouldert, aber am bekanntesten ist das Bouldern in der Halle.

Bouldern in der Halle

Die Anfänge der heutigen mit bunten Griffen bestückten Boulderhallen finden sich zu Beginn der 80er Jahre in den Kellern von Sheffield, England. Damals bauten sich die besten Felskletterer ihrer Zeit, wie Jerry Moffat und Ben Moon ihre eigenen Trainingsmöglichkeiten in die Keller ihrer Häuser.

Malcom Smith bouldert an selbstgebauter Spray Wall in Schlafzimmer

Malcom Smith an seiner selbstgebauten Wand in 1990 – Quelle: Project Magazine / Photo: Ray Wood

Dabei handelte es sich um kleine, stark überhängende Holzwände mit selbst geschnitzten Griffen. Ziel war es die nasse Winterzeit sinnvoll zu überbrücken, während der sie nicht am Fels trainieren und klettern konnten. Auf diesem Weg wurden sie unglaublich gute Kletterer und Boulderer und zählen heute zu den Legenden des Klettersports.

Basierend auf dieser Art der künstlichen Boulderwand entstanden bald ganze Kletter- und Boulderhallen, die zunehmend kommerzieller und professioneller wurden. Heute ist das Indoor Bouldern eine weltweit beliebte und rasant wachsende Sportart.

Arten von künstlichen Boulderwänden

Künstliche Boulderwände gibt es in zwei Varianten. Sie unterscheiden sich darin, ob Routen bereits definiert sind (moderne Boulderhalle) oder selbst ausgedacht werden (Spray Wall).

Das Konzept aus England überdauerte die Zeit und ist heute als Spray Wall bekannt. Diese Art der Boulderwand zeichnet sich durch eine Vielzahl unterschiedlicher Griffe und Tritte auf engstem Raum aus. Boulderer definieren selbst, welche davon zu einem Boulder gehören. Dies ermöglicht eine beinahe unendliche Zahl unterschiedlicher Herausforderungen auf kleinem Raum.

Person bouldert an Spray Wall

Glenn probiert sich an einem selbst ausgedachten Boulder in der Boulderhalle des DAV in Erlangen

Es gibt nur noch wenige Boulderhallen, die ganz in diesem Stil organisiert sind. Jedoch findet sich in den allermeisten modernen Hallen eine Ecke mit einer Spray Wall. Diese wird neben anderen Geräten überwiegend vom leistungsstärksten Publikum für das Bouldertraining genutzt.

Moderne Boulderhallen bieten ästhetisch ansprechende und großzügige Holzwände mit vordefinierten Routen. Eine Route besteht aus Griffen und Tritten einer einzigen Farbe und oft desselben Herstellers.

4x4 boulder

Andi klettert entlang der roten Griffe

Jeder Boulder unterscheidet sich vom anderen durch Neigung der Wand, Größe, Art und Anordnung der Griffe und Tritte. Das Ziel ist es die von den Schraubern der Boulder gestellten Probleme durch Kreativität, Kraft und Geschicklichkeit zu lösen. Dabei gibt es unendliche Nuancen in Körperpositionen und Wegen die Haltepunkte zu belasten. Die Fähigkeit Lösungen für Probleme zu finden und umzusetzen wird dabei als „Technik“ oder Bouldertechnik bezeichnet.

Die Schwierigkeit einer Linie definiert sich über die Farbe der Griffe. Manchmal sind unterschiedlich farbige Griffe auch mit farbigen Klebeband von unten bis oben durchmarkiert. Fast jede Boulderhalle nutzt einen eigenen Farbcode.

Farbcode der Klettergriffe der Boulderhalle E4 in Nürnberg

Der Farbcode der Boulderhalle E4 in Nürnberg ist übersichtlich anhand der Fb-Boulderskala aufbereitet.

Diese Farbcodierung umfasst je Farbe einen grob definierten Schwierigkeitsbereich. Mit fünf bis acht Grifffarben decken Boulderhallen beinahe das gesamte Spektrum an Schwierigkeiten der Boulderskala ab. Die international schwierigsten Grade werden kaum in Boulderhallen geschraubt, da nur sehr wenige Sportler in der Lage sind diese zu schaffen.

 

Regeln für das Bouldern in der Halle

Die Regeln für das Bouldern in der Halle kommen aus dem Wettkampf-Bouldern und werden im Breitensport nicht so streng ausgelegt.

Regeln in der Boulderhalle:

  • Ein Boulder beginnt mit beiden Händen an den markierten Startgriffen und den Füßen auf zugehörigen Tritten und endet ohne Sturz mit beiden Händen am letzten Griff der Wand oder, wenn möglich darauf
  • Auf dem Weg vom Start zum Top sind nur Griffe und Tritte einer Farbe erlaubt
  • Teile der Wandstruktur, wie Kanten oder Holzvolumen dürfen benutzt werden
  • Das versehentliche Berühren der Matte oder anderer Sportler mit irgendeinem Körperteil gilt auch ohne Sturz als vorzeitiges Ende eines Verusuchs

Das Klettern eines Boulders im ersten Versuch heißt „Flash“. Ein Flash hat einen höheren Wert als Durchstieg eines Problems im zweiten, dritten oder x-ten Versuch. So ein Erfolg, bei einem individuell schwierigen Problem, wird meist mit einem gegenseitigen Abklatschen oder Fist-Bump gefeiert.

Outdoor Bouldern am Fels

Das Bouldern am Fels funktioniert ähnlich, wie in der Boulderhalle. Meistens kletterst du aus dem Sitzen oder manchmal aus dem Stehen bis zum letzten Griff oder steigst oben aus. In manchen Gebieten ist das Aussteigen aus Naturschutzgründen untersagt.

An einem Block befinden sich oft mehrere Linien = Boulder mit jeweils eigenen Namen, die sich manchmal auch kreuzen. In der Regel folgt ein Boulder jedoch offensichtlichen Merkmalen, wie Rissen oder großen Absätzen.Bei beliebten Boulderproblemen geben die weißen Rückstände des genutzten Magnesias (Chalk) einen guten Überblick über den Verlauf der Linie.

Boulderer klettert an gut sichtbaren Chalkspuren an Fels im Gebiet Silvretta

Flo folgt den Spuren des Chalks beim Outdoor Bouldern im Gebiet Silvretta in Österreich

Wie eine Linie verläuft und mit welchem Grad diese bewertet ist, steht in einem Boulderführer für das Gebiet. Außerdem finden sich im Boulderführer wichtige Informationen zu Anfahrt, Zustieg, lokalen Besonderheiten, Regeln und Sperrungen.

Mit Bouldermatten kannst du den potenziellen Bereich unterhalb deiner Linie auslegen, damit bei Stürzen nichts passiert. Besonders bei höheren Bouldern ist es üblich zu „spotten“. Das bedeutet, dass ein Mitboulderer dich im Falle eines unkontrollierten Sturzes in eine gute Position über die wartenden Matten bugsiert.

Ein Boulder beginnt an den untersten zwei Griffen oder einem Griff für beide Hände. Oft sind diese markiert oder du kannst Sie im Boulderführer finden. Wie auch in der Halle endet ein Boulder am Top-Griff oder oben drauf. Es gehört zum guten Ton keinerlei Vegetation zu beschädigen, leise zu sein und nach dem Bouldern die Griffe mit einer Bürste zu säubern.

Einige der besten Bouldergebiete liegen in atemberaubender Landschaft hoch in den Bergen, an wilden Küsten oder entlang reißender Gebirgsbäche. Naturerlebnis pur!

Wo kann man Outdoor-Bouldern?

Fontainebleau in der Nähe von Paris in Frankreich gilt Vielen als das beste Bouldergebiet der Welt. Der Wald war früher privates Jagdgebiet der französischen Kaiser und ist durchzogen von lieblichen Sandlichtungen, Blöcken und Wegen.

Was ist Bouldern? Andi zeigt es in Fontainebleau

Andi steht schwer unter Spannung in L´angle Ben´s 7A+ in Fontainebleau

Es gibt tausende Probleme in allen Schwierigkeitsgraden in bester Felsqualität. Oft sind diese auch in Parcours verschiedener Schwierigkeit eingeteilt. Das erkennst du an farbigen Nummern an den Bouldern. Hört sich irgendwie bekannt an? Ja genau, daher kommen die unterschiedlichen Farben in der Boulderhalle.

Weitere Trendgebiete sind

  • die Rocklands in Südafrika,
  • das Zillertal in Österreich,
  • Albarracin in Spanien und
  • das Tessin in der Schweiz.

Das ist allerdings nur eine Aufzählung der aktuellen Trendgebiete. Überall auf der Welt gibt es kleine und große Bouldergebiete vom einzelnen Block irgendwo im Wald bis zu den gigantischen Felshalden im Himalaya.

Bekannte Boulderer und die bekanntesten Boulder

Zu den bekanntesten und einflussreichsten Boulderern weltweit gehören Dave Graham, Fred Nicole, Daniel Woods und Nalle Hukkataival.

Der wohl weltweit schwerste Boulder Burden of Dreams 9A/V17 befindet sich in Finnland. Er verlangte dem Erstbegeher Nalle Hukkataival mehrere Jahre Einsatz und über 80 Tage Arbeit ab bis er die wenigen Züge zum Top zusammenhängen konnte. Das Problem ist bisher trotz Versuchen anderer Boulderer unwiederholt.

Weitere bekannte Boulder (mit Video):

*Ein Highball bezeichnet einen besonders hohen Boulder. Neben den schwierigkeitstechnischen Anforderungen muss der Boulderer sich außerdem noch sehr intensiv mit seiner eigenen Psyche und dem Management potenziell gefährlicher Stürze auseinandersetzen.

 

Schwierigkeitsgrade im Bouldern

Für das Bouldern haben sich weltweit zwei Bewertungsskalen etabliert. Zum einen die französische Skala von 1A bis 9A und zum anderen die amerikanische V-Skala von V0 bis V17. Die V-Skala ist etwas grober in den Abstufungen bis sich die Steigerungen beider Skalen ab V7 analog entsprechen.

Beispiel: Ein französischer Grad 7B+ (schon ganz schön schwer) entspricht dabei einer V8 im amerikanischen System.

Schwierigkeitsgrade sind das beliebteste Streit- und Diskussionsthema unter Klettersportlern und Boulderern. Jeder empfindet den Grad eines Problems unterschiedlich, abhängig von seiner Lösung, Körpergröße, Vorlieben, Wetterbedingungen… Ein schwieriges Thema.

Üblicherweise vergibt der Erstbegeher eines Problems einen Bewertungsvorschlag und die Wiederholer geben dazu ihre Einschätzung ab. Mit der Zeit pendelt sich der Grad auf einen Konsens ein.

Oft vergeben die Wiederholer eines Boulders auch einen „Personal Grade“. Dabei handelt es sich um einen elegante Weg zu sagen, dass Er oder Sie den Boulder als leichter oder schwerer empfindet ohne den Erstbegeher damit direkt anzugreifen.

 

Wettkämpfe im Bouldern

In Deutschland finden jedes Jahr hunderte Boulderwettkämpfe statt. Beinahe jede Boulderhalle richtet einen eigenen Wettkampf aus, wobei sich diese in der Regel an Amateure richten. Es gibt auch Formate, bei denen ein beachtliches Preisgeld Weltcup-Athleten, zur Freude der Zuschauer, in kleine Boulderhallen lockt.

Darüber hinaus finden organisierte professionelle Wettkämpfe auf nationaler und internationaler Ebene statt. Die Boulder World Cups sind eine Serie von mehreren internationalen Wettkämpfen mit Preisgeldern bei dem ein Gesamt-Weltcup-Gewinner ermittelt wird. Die Athleten, die an diesen Cups teilnehmen sind überwiegend professionelle Sportler, die von Sponsoring und Preisgeldern leben.

Es gibt verschiedene Formate von Boulderwettkämpfen. Meistens findet eine Qualifizierungsrunde mit vielen zu bezwingenden Bouldern statt in der die besten Teilnehmer für das Finale ermittelt werden. Dort gilt es in der Regel nur noch vier Boulder zu schaffen. Männer und Frauen werden im Finale üblicherweise getrennt und messen sich an unterschiedlichen Bouldern.

Der Gewinner ist der- und diejenige mit den meisten gekletterten Problemen. Bekannte Wettkampfboulderer sind Jan Hojer, Janja Gabret, Juliane Wurm und Anna Stöhr.

Erstmals ist der Klettersport auch bei der Olympiade 2021 vertreten (verschoben von 2020 aufgrund der Corona-Pandemie). Leider wurde vom olympischen Komitee nur ein Satz Medaillen vorgesehen. Deshalb wird das gesamte Spektrum des Klettersports in einem kombinierten Wettkampf aus Bouldern, Sportklettern und Speed-Klettern abgeprüft werden.

In der Realität gab es vor dieser Ankündigung nur einen Weltcup-Athleten (Sean McColl), der in allen drei Disziplinen aktiv war. Dieses Format hat das Training für jeden potenziellen Olympia-Athleten massiv auf den Kopf gestellt. Besonders die Randdisziplin Speed-Klettern hatte vorher kaum internationale Relevanz und keinerlei Reiz für Athleten aus dem Bouldern und Sportklettern.

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